Leseproben
Hier gibt es ein paar Leseproben aus den unterschiedlichsten Arbeiten des Textschöpfers.
Leseproben
Sofern die Leseproben nicht Eigenwerke von Tankred Kiesmann, sondern Auftragsarbeiten von Textschöpfer-Kunden sind, liegt eine Genehmigung zur Präsentation auf dieser Webseite vor.

„Der rote Kater“
Referenz zum Motto-Produkt „My Pet Hero“
Die Geschichte entstand 2020 im Rahmen eines Projekts für Privatkunden, die namentlich nicht genannt werden möchten. Ich bedanke mich trotzdem sehr herzlich für die Erlaubnis, den Anfang der etwa 20seitigen Geschichte hier zeigen zu dürfen.
Leseprobe zu "Der rote Kater"
Konzentriert schob Thomas das letzte Brett über die Auflage der kreischenden Kreissäge und zerteilte es. Nach einem kurzen, prüfenden Blick auf die Schnittkante, dessen Ergebnis ihn zufrieden stellte, betätigte er den Hauptschalter der Säge. Er genoss die Stille, die sich jetzt langsam entwickelte. Das Drehgeräusch des nachlaufenden Sägeblatts ebbte nur allmählich ab, während in gleichem Maße der Nachhall des Kreischens in seinem Gehörgang abflaute. Dies waren die Momente, die er an seiner Arbeit liebte. Wenn es ruhig wurde und er den Geruch des frisch geschnittenen Holzes und der Späne inhalieren konnte, dann war es ihm möglich, unangenehme Gedanken beiseitezuschieben und so etwas wie Entspannung zu finden.
Hinter ihm polterte es. Er drehte sich um und runzelte die Stirn, als er die Situation erfasste. Die Tischbeine, die er heute Morgen gedrechselt und sauber an der Wand direkt neben der Drechselbank abgestellt hatte, waren umgefallen. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie ein hellroter Schwanz blitzschnell hinter einem von drei Holzstapeln verschwand, die sich vor der seitlichen Fensterfront der Werkstatt in die Höhe türmten und das natürliche Licht empfindlich dämpften.
„Gottverdammter Kater“, brummelte er mürrisch und ging zu den umgestürzten Tischbeinen hinüber, um sie wieder aufzustellen.
Mit deutlich verschlechterter Laune bückte er sich und ergriff das erste Bein. Er schaute es prüfend an, ob die Oberfläche durch den Sturz Schaden genommen hatte. Das Bein war in Ordnung. Er nahm das zweite Bein auf und überprüfte es ebenfalls. Als sein Blick auf das untere Ende des Beins fiel, stutzte er. Der Fuß war großflächig dunkel verfärbt. Die Falten in seiner Stirn vertieften sich, als Thomas mit den Fingern über die Verfärbungen strich. Die Oberfläche fühlte sich feucht an.
Mit dunkler Vorahnung roch er an seinen Fingern. Und er hatte recht: Katzenpisse!
„Scheißkater!“ Der Ausruf war dieses Mal deutlich lauter als das erste Brummeln. Verärgert nahm er jetzt zur Kenntnis, dass sich eine große Pfütze an der Stelle befand, an der er die Beine ursprünglich abgestellt hatte. Weiterhin registrierte er eine zweite Lache unter der Drechselbank und ein verdächtiges Glitzern eines Flüssigkeitsfilms auf der Abdeckung des Antriebsmotors und anderen Metallteilen der Maschine. Thomas spürte, wie die Wut in ihm hochstieg.
„Wenn ich dich erwische, bringe ich dich um“, keuchte er „frisst mir die Haare vom Kopf und macht meine Arbeit kaputt.“
Ärgerlich richtete er sich auf und folgte dem Schwanz, den er vorhin erspäht hatte. Vorsichtig lugte er um den betreffenden Holzstapel herum und sondierte die Lage. Der hellrote Kater saß auf dem langen Fenstersims und leckte sich hingebungsvoll die Pfoten. Thomas hielt seine Wut so gut wie möglich im Zaum und zwängte sich in den schmalen Spalt zwischen Fenster und Bretterstapel. Er näherte sich langsam dem Kater und fixierte konzentriert die rostrote Katze, bereit, jeden Augenblick zuzufassen.
Der Vierbeiner schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Er hielt in seiner Tätigkeit inne und schaute in Thomas‘ Richtung. Er legte den Kopf ein wenig zur Seite, und es war so etwas wie Verdutztheit in seinem Gesichtsausdruck wiederzufinden. Der stechende Blick aus Thomas‘ tiefliegenden, grünen Augen war ihm offensichtlich nicht ganz geheuer.
Als Thomas zupacken wollte, wandte der Kater sich blitzschnell um und sprang flüchtend vom Fensterbrett herunter. Unglücklicherweise blieb er leicht an einem Brett hängen, welches aus dem Stapel herausragte, so dass er nicht mehr kontrolliert landete. Verwirrt schaute er sich um und schüttelte kurz den Kopf. Thomas erkannte, dass er den Kater nicht mehr mit den Händen greifen konnte, weil er sich in dem engen Gang nicht schnell bücken konnte. Er war aber noch in der Lage, die kurzzeitige Verwirrung des Katers auszunutzen und dem Tier einen mit seinem ganzen Zorn angereicherten heftigen Fußtritt zu versetzen. Der stahlkappenbewehrte Arbeitsschuh erwischte den Kater voll in der Flanke und schleuderte ihn mit aller Wucht gegen die etwa drei Meter entfernte Wand, nicht ohne dass sein Kopf während des Flugs noch am Holzstapel entlang schrammte.
Der Kater sackte an der Wand zu Boden. Seine Benommenheit dauerte aber nur eine halbe Sekunde. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Thomas an und suchte dann das Weite.
„Papa“, ertönte eine helle Kinderstimme in Thomas‘ Rücken, „was machst du da?“
Thomas versteifte sich. Dann wandte er sich langsam um und sah in die großen Augen seiner kleinen Tochter.

„Pays des fées“
Referenz zum Motto-Produkt „Meine Story im perfekten Kleid“
Die Geschichte ist inspiriert von einem Urlaubserlebnis, dem Besuch einer bronzezeitlichen Steinsetzung namens „Pays des fées“ irgendwo in Südfrankreich. Die vollständige Kurzgeschichte kann in meinem Buch „Megalithen und ihre Sagen“ nachgelesen werden.
Leseprobe aus "Pays des fées"
Die Luft flirrte noch von der Hitze des zu Ende gegangenen Tages. Sie genoss das Gefühl des seidigen Grases an ihren nackten Füßen. Das Restlicht der hinter dem Horizont verschwundenen Sonne tauchte die Umgebung in ein warmes, rötlich dunkles Licht. Mächtige Bäume mit schwarzen Kronen erhoben sich schützend vor ihr auf der Hügelkuppe und säumten den Wiesenrand neben ihr.
Langsam und voll freudiger Erwartung erklomm das Mädchen den sanften Anstieg hinauf zur Kuppe. Ihr federnder Schritt ging in ein beschwingtes Tänzeln über, als die ersten Steine in ihr Blickfeld rückten. Auf dem Plateau des kleinen Hügels gruppierten sich die uralten Steinsäulen, auf zwei Seiten eingerahmt von den Ruhe ausstrahlenden Bäumen des Waldes. Am Tage bot der Eichenhain seinen Bewohnern und Gästen viele lichte Plätze. Aber auch jetzt, bei anbrechender Nacht, wirkte er nicht bedrohlich, die dunklen Baumkronen breiteten einen warmen Teppich der Geborgenheit aus.
Sie liebte den Wald, aber noch mehr liebte sie die Steine. Am meisten liebte sie es, die Menhire allein für sich zu haben. Deshalb kam sie immer erst abends oder nachts hierher und vermied den holprigen Wanderweg, der sich am Waldrand entlang schlängelte. Sie ging über die Felder und Wiesen, deren weiches Gras ihren Füßen schmeichelte.
Atemlos blieb sie stehen. Wie jedes Mal war sie ergriffen von der Schönheit der kleinen Menhire, der Steinsäulen, die sich in loser Anordnung hier versammelt hatten und das Geheimnis ihrer Herkunft hüteten. Was war ihr Zweck? Das Mädchen dachte nicht oft über die Frage nach. Es war nicht wichtig, wie alt die Steine waren und woher sie kamen. Ihr reichte es, die Stelen zu sehen, sie zu berühren und die Ruhe und Kraft, die sie ausströmten, in sich aufzunehmen. Stundenlang verweilte sie hier oft in stiller Zwiesprache mit den Zeugen einer alten Geschichte, die mysteriös und wundervoll gleichzeitig war, die aber nie all ihre Geheimnisse preisgeben würden.
Sie seufzte.
Dies war ihr Lieblingsstein. Er reichte ihr bis zum Bauchnabel, seine leicht rote Färbung streichelte im Dämmerlicht des sich sanft verabschiedenden Tages zart ihr Auge. In der träge grüßenden Nacht erhob er sich als nach oben verjüngende Stele.
Der Stein schien sie zu rufen. Das Mädchen kniete vor der Stele nieder, die sich in vollkommener Schönheit vor ihr erhob und mit einer wohlgeformten kleinen, runden Kuppel gekrönt war.
Sanft fuhr sie mit ihren Händen vorsichtig ihre Form nach. Langsam tastend erkundete sie die Oberfläche, ihre warme, raue Struktur, die sie an die Haut ihrer lieben Großmutter erinnerte. Sie legte die Wange an die steinerne Säule und umschlang sie mit beiden Armen …