Ein Fortsetzungsroman nach drei Jahren – wie findet man in die Story zurück?
Mein vierter Roman ist veröffentlicht. Offizieller Stichtag ist der heutige 7. September. Der Urban-Fantasy-Thriller „Die Renard-Verschwörung“ erscheint als Fortsetzung von „Die Drachenverschwörung“. Autoren wissen, dass aufeinander aufbauende Romane immer gewisse Herausforderungen bergen. Besonders die Konsistenz untereinander muss gewahrt bleiben. Die innere Logik darf nicht verloren gehen. Aber wie stellt man das sicher?
Alles noch präsent oder schon vergessen?
Vor drei Jahren habe ich „Die Drachenverschwörung“ veröffentllicht und heute kam mit „Die Renard-Verschwörung“ die Fortsetzung auf den Markt. Der erste Teil hatte zwar ein paar lose Enden, aber keinen wirklichen Cliffhanger. Das heißt, ich habe mir damals offengehalten, ob ich einen zweiten Teil schreibe oder nicht. Ich habe aber so viel tolles Feedback von meinen Lesern bekommen, unter anderem die Frage danach, wie es denn weitergeht, dass ich mich – wenn auch nach einigem Zögern – zu einem Nachfolgeroman entschlossen habe. Die bange Frage, die sich mir gestellt hat, als ich die Arbeit vor etwa einem halben Jahr aufgenommen habe, war, wie gut ich wieder in die Story hineinfinde. Schließlich steigt mit der Zeit das Risiko des Vergessens und des Sicheinschleichens von Plotholes und Inkonsistenzen. Als Lektor bin ich darauf gepolt, derartige Schwachpunkte in einer Erzählung zu identifizieren, und wenn ich selbst schreibe, dann will ich solche Dinge unter allen Umständen vermeiden.
Die Ausgangslage
Ich hatte mir damals nach Beendigung der „Drachenverschwörung“ schon ein paar Notizen gemacht, welche Elemente in einer potenziellen Fortsetzung eine Rolle spielen könnten. Diese Stichpunkte habe ich mir natürlich als erstes angeschaut und musste dabei feststellen, dass ich einen Großteil davon gar nicht mehr so atemberaubend fand. Aufgrund diverser Lesungen und auch von Gesprächen mit Menschen, die den ersten Teil gelesen hatten, war die Geschichte der „Drachenverschwörung“ in meinem Kopf noch sehr präsent. Und im Verlauf der zweieinhalb Jahre bis zum Arbeitsbeginn an der „Renard-Verschwörung“ hatten sich neue Ideen entwickelt, die ich spannender fand. Faktisch war es also gar nicht so schwer, wieder in die Geschichte einzutauchen. Aber wie man als Autor weiß, Inkonsistenzen und Logikfehler lauern in den kleinen Details. Und die hat man nicht allesamt sofort parat, auch wenn man die Geschichte selbst geschrieben, x-mal gelesen und auch als Hörbuch mindestens einmal komplett durchgehört hat.
Die pickligen Details
Welche Herausforderungen können sich im Detail stellen? Da sind zunächst einmal die Charaktere mit ihren äußerlichen und ihren Wesensmerkmalen. Ich nutze ein Schreibprogramm, in dem ich Charakterbeschreibungen hinterlegen kann, auf die sich mit einem Klick zugreifen lässt. So ist relativ einfach sichergestellt, dass eine Protagonistin nicht auf einmal eine andere Augenfarbe bekommt. Schwieriger wird es bei Situationen und anderen Sachverhalten, auf die in der Fortsetzung Bezug genommen wird. Da kommt man nicht drum herum, viel im Manuskript des ersten Teils zu suchen und zu scrollen. Ich persönlich sichere mich schon beim Schreiben so oft wie möglich ab. Grund ist mein löchriges Kurzzeitgedächtnis.
Denn zu groß ist für mich das Risiko, eine gedankliche Notiz, dass dies oder das noch zu überprüfen sei, zu vergessen. Deshalb ist für mich die Schlussüberarbeitung eines Romans hauptsächlich eine Frage von Grammatik, Rechtschreibfehlern, Schreibstil und erklärenden Ergänzungen. Der eigentliche Plot muss für mich zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt sitzen.
Beispiele für Plotholes und Inkonsistenzen?
Mit Beispielen möchte ich mich explizit zurückhalten, weil hier eine andere Gefahr lauert, nämlich die des Spoilerns. Aber ganz ohne geht’s natürlich auch nicht. Deshalb hier mal ein sehr allgemein gehaltener Sachverhalt, den ich genau prüfen musste, bevor ich mit der endgültigen Fassung zufrieden war: In der „Drachenverschwörung“ kommen zwei Nebencharaktere vor, die in der „Renard-Verschwörung“ wichtigere Rollen spielen. Einer der beiden Charaktere ist sogar im ersten Teil bereits gestorben. Weil jedoch im zweiten Teil viel in der Vergangenheit gegraben wird, müssen Geschehnisse aus den 1980er Jahren mit den Lebensläufen und dem Alter der Charaktere abgeglichen werden. Dinge, die ich beim Schreiben der „Drachenverschwörung“ noch nicht auf dem Schirm hatte, wo ich aber unwissentlich Rahmenbedingungen für den Nachfolger festgezurrt habe.
Wie geht’s weiter?
Gute Frage. Bisher habe ich nur das Feedback von wenigen Testleser*innen, welches allerdings sehr positiv ausgefallen ist. Jedenfalls bin ich konzeptionell mit dem dritten Teil schon deutlich weiter fortgeschritten, als ich es zum Ende des ersten Teils mit der „Renard-Verschwörung“ war. Und ich habe bereits einen Widerspruch identifiziert zwischen einer Aussage, die ein Charakter im ersten Teil getätigt hat, und einer Handlungsweise, die im zweiten Teil offenbar wird. Dieser Widerspruch ist erklärbar, aber für Leser*innen nicht ohne weiteres abzuleiten. Die Frage ist, ob sie diesen Widerspruch überhaupt erkennen. Aber falls doch, müssen sie mit einer Erklärung bis zum dritten Teil warten. Schauen wir mal.

Hallo, ich bin Tankred Kiesmann. Unter diesem Pseudonym veröffentliche ich Fantasy-Romane und verwandte Literatur. Ich biete auch genrespezifische Coachings für belletristisches Schreiben an. Ich ziehe meine Inspirationen prinzipiell von überallher, besonders aber aus meiner Affinität zur Gothic-Szene und meiner Leidenschaft für Megalithbauten. Meine Fantasie kommt ins Rollen, wenn es um alte Steine, Mythologien und Sagen, unsterbliche Wesen und das Düstere im Allgemeinen geht.